Charaktergeschichte: Anette

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Korgrim
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Charaktergeschichte: Anette

Beitrag von Korgrim » 30.05.2015 17:03

Ich war motiviert die Geschichte niederzuschreiben, die ich für Anette im Kopf hatte. Hier also ein kleiner Auszug aus ihrer Vergangenheit, jedoch nicht aus ihrer Perspektive:



Ich bin eine einfache Frau, die nach einfachen Regeln lebt. Ich bin gläubig und ich ehre die Götter, sowie es mich in meiner Kindheit gelehrt wurde.
Doch ich habe eine Person getroffen, gegen die selbst die Götter klein erscheinen. Bin ich deshalb eine Ketzerin? Ist es falsch sein Leben für jemanden aufzuopfern, den man über alles stellt?

Ihr Wille ist mein Befehl. Dies sind die Gebote, nach denen ich mein Dasein richte:

Ich muss ihr Leben schützen
und ihre Freiheit bewahren.
Mein Leben gehört ihrem Wohlsein,
niemals dächte ich daran sie zu betrügen.
Auch auf mich achte ich,
damit ich immer für sie da sein kann.
Wenn sie unachtsam ist werde ich wachsam sein
und wenn sie schwach ist werde ich mich um so stärker zeigen.


Während Magdalena ihren Arm stützend um Anette legte, flüsterte sie behutsam in ihr Ohr: "Hast du bereits ein Zimmer gemietet?"
Ihre Freundin stöhnte und begann abwesend zu kichern. Magdalena hasste es sie betrunken zu sehen, doch wenn Anette es sich in den Kopf gesetzt hatte, konnte sie nichts dagegen tun. Zumindest bekam sie noch eine Träge gemurmelte Antwort: "Sicher."
Geduldig fuhr Magdalena fort:"Wo ist der Schlüssel?"
"Tasche.", kam es von Anette zurück.
Sie tastete nach der Umhängetasche an Anettes Seite und fand schließlich was sie suchte. Es war schwer danach zu tasten während sie der Betrunkenen die Treppe hinauf half, doch sie konnte sich nicht erlauben schwach zu werden.
Wenn sie schwach ist werde ich mich um so stärker zeigen. Aber wie ich es hasse, wenn sie mich in diese Lage bringt. Dabei ist es schon Ewigkeiten so...
Der Weg ins Zimmer war ein kleiner Kampf, es gelang Magdalena jedoch Anette bis in den Raum zu führen, welcher ihnen heute in dieser Herberge dienen sollte. Nachdem die Freundin schlaff auf das Bett gefallen war, betrachtete Magdalena sie eine Weile lang in einer Mischung aus Sorge und Angewiedertheit.
"Weshalb betrinkst du dich immer so sehr, wenn wir in ein Gasthaus kommen?",erkundigte sie sich nach einer Weile in vorsichtigem Ton.
Anette gluckste, ehe sie verkündete: "Warum nicht? Wir können es uns leisten."
"Aber es ist nicht gut. Wir haben den Mann auf dem Markt um das Geld betrogen, wir sollten uns einen kühlen Kopf bewahren, falls er jetzt noch misstrauisch wird. Zudem; die Betten und das Essen hier sind wundervoll – so bekommst du es doch gar nicht mit."
Als Magdalena den Satz beendet hatte kam ein unwohles Gefühl in ihr herauf, die bedrückende Angst sie könne Anette entnervt haben. Es dauerte nicht lange ehe sich diese Befürchtung bewahrheitete: "Wenn ich trinken will trinke ich." Der Ton war beißend wie Essig, kurz darauf folgte ein Gemurre: "Irgendwie muss ichs ja ertragen..."
Ich sorge mich doch nur! Mein Leben gehört ihrem Wohlsein. Ich muss etwas falsch gemacht haben, was war es?, kam es Magdalena quälend in den Sinn. Sie hielt es für besser Anette vorerst nicht weiter zu behelligen, doch als sie ihre Freundin wieder ansah stieg erneut die Sorge in ihr hinauf, dass diese sich selbst großen Schaden zufügen würde. Es gab ein Gebot das wichtiger war als Anettes Wohlsein zu bewahren.
Ich muss ihr Leben schützen.
"Was musst du ertragen?", brach es beunruhigt aus Magdalena hervor. "Wenn dich etwas stört können wir sicher etwas daran machen, du musst dich nicht zu Tode trinken."
"Was ich ertragen muss?", lachte Anette sie in einem wilden Stimmungswechsel an. "Macht es dich nicht auch krank?"
"Nein", antwortete Magdalena ahnungslos. "Was soll mich krank machen?
"Leute."
Magdalena war verblüfft:"Welche Leute?"
"Alle."
Sie waren Freundinnen seit sie beide fünf Sommer alt gewesen waren. Magdalena wusste wie schwer es für Anette war aufrichtig zu Fremden zu sein, weil es sie das Leben kosten würde wenn jemand von ihrer besonderen Begabung erfuhr. Doch trotz alledem hatte sie immer das Gefühl gehabt für Anette drehte sich das ganze Leben darum mit anderen Personen zu tun zu haben. Erneut erkundigte sich Magdalena mit bemühter Sanftheit nach dem Grund:
"Weshalb machen dich Leute krank?"
Anette schnaubte abfällig, setzte dann jedoch ein munteres Glucksen hinterher. Magdalena fiel nichts besseres ein als weiter zu Fragen – sie musst ihrer Freundin helfen:
"Ist es wegen deiner Magie?"
"Was denkst du?", entgegnete Anette nun trocken. "Muss aber keinem mehr in die Seele blicken um sie zu hassen."
Allmählich wurde Magdalena ungemütlich und sie wollte eine Antwort: "Du hasst sie? Was siehst du denn, wenn du Leuten in die Seele schaust?"
"Ihre Gefühle. Ihre Wünsche und Gelüste. Ihre Gedanken – das habe ich dir schon hundert mal erklärt."
"Aber was stört dich daran? Es hilft uns am Leben zu bleiben und zu bekommen was wir brauchen.", versuchte Magdalena zu verstehen.
Es folgte eine lange Stille. Schließlich sprach Anette etwas leiser, in einem bedrückten Ton, den Magdalena niemals von ihr gehört hatte: "Sie sind alle gleich."
Sie wusste nicht was sie darauf entgegnen sollte.
"Menschen, Elfen, Zwerge... Fühlen sich alle überlegen. Am Ende sind sie alle gleich.", fuhr Anette fort. "Man sieht ein kleines bisschen Sitte, wenn man nicht tief genug schaut... Darnter wollen alle ein wenig Liebe, 'nen vollen Magen und Sicherheit." Wieder ein Glucksen. "Manche sind anders, leben für irgendetwas wie die Götter oder ihr Handwerk... Auch egal – man hat schnell alles erlebt." Die letzten Worte klangen abfällig für Magdalena; es kam eine Angst in ihr hervor, die jede Vorsicht in den Wind schoss.
"Und ich?", wollte sie von ihrer Freundin wissen. "Mache ich dich krank?"
Die Zeit bis zur Antwort kam ihr wie eine Ewigkeit vor. Ihre Gedanken drehten sich wild im Kreis.
Auch auf mich achte ich. Auch auf mich achte ich. Auch auf mich achte ich.
"Ich mache mich sogar selbst krank.", schnaubte Anette. Obwohl Magdalena keine klare Antwort bekommen hatte, begann ihr Gemüt zu kippen; ihr wurde schlecht.
Wie kann sie das sagen, wie? Sie verabscheut sich? Was tue ich? Mein Leben gehört ihrem Wohlsein. Ich muss etwas tun!
Ihre Gedanken drehten sich wild umher.
Sie verabscheut auch mich! Aber ich diene ihr doch! Sie hat mich zwar verzaubert, aber ich war doch immer für sie da! Und sie sorgt für mich, mir geht es gut mit ihr. Ich soll mich auch um mich selbst kümmern, das ist ihr sechstes Gebot! Sie sorgt sich doch eigentlich um mich!
Doch etwas in ihr äußerte Gedanken; tief in ihr gab es Gefühle, und ihre Gedanken wogen schwer.
Sie sorgt sich nicht um mich, sie benutzt mich. Ich bin nur mehr für sie wert, wenn es mir gut geht.
Nein!
Aber ich weiß es doch.
Was denke ich? Ich habe mir geschworen nie wieder so zu denken.
Ich habe zehn Jahre nicht mehr so gedacht. Ich bin seitdem niemand mehr, sie hat mir alles genommen. Ich sollte frei von ihr sein, koste es, was es wolle.
NIEMALS DÄCHTE ICH DARAN SIE ZU BETRÜGEN!
Niemals.


Magdalena schaffte es sich zusammenzureißen. Sie wusste es war falsch Anette zu hintergehen und daran zu denken sich von ihr zu lösen. Sie wusste es einfach, seit sie bezaubert worden war. Die schweren Gedanken ordneten sich also ihrem klaren Verstand unter.

Ich werde sie nicht betrügen.
Mein Leben gehört ihrem Wohlsein.
Aber was ist das, was tief in mir für Unruhe sorgt?
Warum habe ich so eine schlechte Seite? Ich bin so schwach - Ich habe meine Götter verraten und mache sogar manchmal Fehler die Anette ärgern; ich kann mir nicht zusätzlich solche Gedanken leisten.
Ich bin eine Gefahr für sie.
Ich bin eine der größten Gefahren für sie, sie vertraut mir so viel an, wenn ich schwach bin wird sie nicht zurecht kommen.
Wie kann ich ihr Leben schützen, wenn ich eine Gefahr bin? Meine Unfähigkeit wird sie umbringen. Ich werde früher oder später das zweite Gebot brechen.


Magdalena geriet in Panik, als sie daran dachte. Anette hatte sich mit dem Rücken zu ihr gedreht und suchte Ruhe, also tat sie ihr bestes sie nicht weiter zu stören.

Ich muss nur einen kleinen Fehler machen, wenn wir den nächsten Trickbetrug begehen, und es kostet sie die Freiheit.
Dann hätte ich das dritte Gebot gebrochen.
Aber was soll ich tun?
Vielleicht sollte ich sie verlassen, zu ihrem eigenen Wohl. Sie findet jemand besseren.
Das geht nicht, ich könnte nicht ohne sie leben. Ich bin niemand ohne sie, sie gibt mir einen Sinn.
Aber ein Weg bleibt. Ich kann ohne sie in den Tod gehen.
Das ist nicht möglich, ich kann mir nicht das Leben nehmen.
Oder kann ich?
Nein, wie könnte ich, ich muss auf mich selbst achten.
Das ist das sechste Gebot. Das zweite ist es ihr Leben zu schützen, und ich bin gefährlich für sie.
Außerdem darf ich ein Gebot brechen, wenn es einem höheren dient, und nichts anderes möglich ist.
Und vielleicht breche ich das sechste Gebot nichteinmal, wenn ich es tue.


Während Magdalena nachgedacht hatte, hatte sie ihren Gürtel zur Nachtruhe gelöst. Daran war der Dolch, den Anette ihr gegeben hatte um sie und sich selbst zu verteidigen. Leise zog sie ihn aus seiner Scheide und betrachtete den Stahl.

Ich kann das nicht.
Es ist für sie. Ich habe viele andere Dinge für sie getan, die mir früher Angst bereitet hatten.
Wie schlimm kann es sein? Ein Stich und es ist getan. Schmerz geht vorbei.


Das Metall schnitt tief. Eben noch hatte Magdalena in der Taverne gesessen. Ihr Essen war gut gewesen, doch sie hatte es nicht genießen können – zu sehr war sie damit beschäftigt sich um Anette zu sorgen. Nun kniete sie in einem düsteren Raum, weitab von ihrer Heimat, und die Unwirklichkeit dessen was sie getan hatte nahm ihr jeden Gedanken. Doch ehe sie zu geschwächt war um weiter wach zu bleiben, kreiste ihr Bewusstsein ein letztes mal um die schweren Gefühle tief in ihr.

War das das Richtige?
Ich weiß es nicht.
Aber es war nicht für sie.
Nein, das war es nicht.
"Chaos always wins over order, because it is better organized" -Terry Pratchett

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